The Ghost in the Glitch

The Glitch – Zwischen physischer Erschöpfung und digitalem Code

Mia Hofner im Gespräch mit Brig Huezo

Wenn du „postdigital“ sagen musst, ohne das Wort zu verwenden: Wie würdest du beschreiben, was du machst?
Ich arbeite mit Körpern, die über sich selbst hinausgehen. Eine Geste kann eine digitale Umgebung triggern, und plötzlich beginnt die Bewegung, die Realität zu verändern.

Erinnerst du dich an einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass Tanz deine Sprache und kein Hobby ist?
Ich glaube nicht, dass es einen einzelnen dramatischen Moment gab, in dem ich plötzlich merkte, dass Tanz meine Sprache ist. Es geschah langsam. Bewegung wurde zu einem Weg, Dinge zu verarbeiten, die Worte nicht wirklich fassen konnten – Fragen zum Körper, zur Identität und manchmal einfach ein Weg, durch Erfahrung zu überleben. Irgendwann habe ich bemerkt, dass Choreografie es mir erlaubt, viele Interessen gleichzeitig zu verbinden. Es fühlte sich also nie so an, als würde ich von einem Hobby zum Beruf wechseln. Es fühlte sich eher wie die Entdeckung eines Mediums an, in dem meine Neugier sich bewegen konnte.

Du beschreibst deine Arbeit als postdigitale Choreografie, in der Körper, Bild und Code sich schneiden. Wie übersetzt du diese Idee in konkrete Probenpraktiken?
Für mich ist das Studio nicht mehr nur ein physischer Raum. Bewegung kann zu Daten, einem Bild, einer Simulation werden. In der Probe bewegen wir uns ständig zwischen diesen Zuständen – tanzen, mocapen und tracken, abspielen, verzerren. Manchmal lehrt die Tänzerin den Avatar, wie man sich bewegt. Manchmal lehrt umgekehrt der Avatar die Tänzerin. Die Choreografie lebt in dieser Feedback-Schleife.

Was kann ein digitaler Körper, was ein physischer Körper nicht kann – und umgekehrt?
Ein digitaler Körper kann die Physik brechen. Er kann sich strecken, glitchen, zurückspulen, eine Bewegung endlos wiederholen. Er kann auch eine Spur des Körpers festhalten – eine Geste, einen Rhythmus, eine Art, sich zu bewegen – und sie im digitalen Raum konservieren. Fast wie ein Fossil von Bewegung. Ein physischer Körper ist anders. Er hat Schwerkraft, Müdigkeit, Atem. Er schwitzt, er scheitert, er wird erschöpft. Aber genau darin liegt auch seine Kraft. Er ist fragil, unberechenbar und lebendig … :/

Wenn du ein neues Projekt beginnst, woran denkst du zuerst: eine konzeptionelle Frage, ein spezifisches Bild des Körpers oder ein bestimmtes technisches Tool wie Motion-Tracking oder eine Game Engine?
Meistens eine Frage. Was passiert, wenn eine Bewegung aufhört, nur eine Geste zu sein, und ein Trigger wird, virtuelles Feuer entzündet, Blitze heraufbeschwört oder einen Avatar aktiviert, der die Grenzen des physischen Raums erweitert? Wenn ein Körper zu einem Avatar wird, was für eine Art Körper ist es und welche Geschichte erzählt er? Von dort wird es ein Testgelände: Körper, Kameras, Sensoren, Engines, Ästhetik. Ideen sind billig. Sie werden erst interessant, wenn sie sich bewegen. Ich glaube, das ist es, was mich motiviert.

Wie entscheidest du, welche Technologien du für ein Projekt verwendest? Folgt die Technologie der künstlerischen Idee oder werfen neue Werkzeuge Fragen auf, die du sonst nicht gestellt hättest?
Die künstlerische Frage kommt immer zuerst. Aber Tools sind nie neutral. Eine neue Software oder ein Tracking-System kann plötzlich ein Problem eröffnen, von dem du nicht wusstest, dass es existiert. lol XD Es ist also eine Feedback-Schleife. Ideen formen die Technologie. Technologie formt die Idee neu.

Du sprichst vom „hybriden“ oder „phygitalen“ Körper. Welche konkreten Scores oder Übungen nutzt du in der Probe, um diese Idee für die Performer*innen physisch greifbar zu machen?
In der Probe behandeln wir die digitale Schicht fast wie eine neue Haut. Eine Tänzerin bewegt sich, während ihre Bewegungsdaten einen Avatar animieren oder Licht, Klang oder visuelle Effekte auslösen. Eine Geste erstreckt sich plötzlich über den Körper hinaus. Sie reist in den virtuellen Raum. Dann schaue ich mir die Lücken an – wo die physische Bewegung und die digitale Reaktion nicht ganz übereinstimmen. Dieser Raum wird interessant. Es ist, als würde der Körper seinen eigenen digitalen Geist beobachten und versuchen, ihn zu verstehen.

Welche Rolle spielen Motion-Tracking-Systeme, Game Engines oder 3D-Design tatsächlich in deiner täglichen Studioarbeit? Wann kommen sie zum Einsatz und wann hältst du den Probenraum eher analog?
Technologie ist kein Bühnenbild. Es ist ein weiterer Körper im Raum. Tracking-Systeme übersetzen Bewegung in eine andere Sprache – Rigs, Zahlen, Avatare. Aber ich lasse die Maschinen nicht die ganze Zeit laufen. Manchmal wird alles dunkel und wir kehren zu Atem, Schwerkraft und Kontakt zurück. Die Choreografie entsteht in der Reibung zwischen diesen Welten.

Wie generierst du Bewegungsmaterial, wenn der Körper gleichzeitig als physische Präsenz auf der Bühne und als Daten im digitalen Raum existiert?
Manchmal beginnt Choreografie im Studio. Ich bewege mich zuerst und capture später. Andere Male beginnt es im Computer. Ich nehme Motion-Capture-Daten und verzerre sie – dehne sie, loope sie, breche sie – und bitte dann die Tänzer*innen, diese unmögliche Version zu verkörpern. Am Anfang war Motion-Tracking meist ein Tool zum Archivieren oder Studieren meiner eigenen Bewegung. Aber es wurde langsam zu einem Weg, Choreografie zu erfinden. Also reist die Arbeit ständig zwischen Fleisch und Daten hin und her. Kürzlich habe ich auch bei etwas Spekulativem angefangen – Imagination, Verlangen, sogar Fantasie. Bewegungen, die noch nicht existieren, die der Körper aber irgendwie schon trägt, wartend auf den richtigen Impuls, sie herauszuholen.

Welche Routinen oder Rituale helfen dir, zwischen Choreograf*in, Forscher*in und „Tech-Nerd“ zu wechseln, ohne den Fokus zu verlieren?
Für mich sind diese Rollen nicht getrennt. Manche Tage debugge ich stundenlang Motion-Capture-Setups. Andere Tage arbeite ich im Studio nur mit Körpern. Der Trick ist, beides als Choreografie zu behandeln. Stay punk, stay calm!

Du arbeitest oft mit interdisziplinären Teams, die Technologie, Game Design und Film einschließen. Wie organisierst du die Entscheidungsfindung, damit künstlerische und technische Bedürfnisse ineinandergreifen?
Ich suche normalerweise nach Kollaborateur*innen, die sich wohlfühlen, sich zwischen Disziplinen zu bewegen. Für mich ist das Ziel, eine gemeinsame Spielwiese zu schaffen. Tänzer*innen, Entwickler*innen, Designer*innen, Filmemacher*innen – alle betreten dasselbe System. Ich bringe einen Rahmen mit, den ich entwickelt habe, und zusammen testen wir, wie er sich durch verschiedene Perspektiven und Expertise erweitern kann. Oft kommen die interessantesten Ideen durch Missverständnisse zwischen Disziplinen. Gleichzeitig kann es herausfordernd sein. Viele von uns arbeiten als Freelancer in verschiedenen Industrien. In Feldern wie Gaming sind die Produktionsstrukturen sehr klar. In experimenteller digitaler Kunst sind diese Strukturen flüssiger, also wird Kollaboration zu einem Prozess der Übersetzung, Verhandlung und ständigen Anpassung.

Ändert sich deine Arbeitsweise, wenn du in einer großen Institution mit anderen Produktionslogiken arbeitest?
Vielleicht bin ich in dem Sinne ein bisschen visionär. Institutionen kommen oft mit schwereren Strukturen und Produktionslogiken. Aber sie bieten auch etwas Wertvolles: Zeit, Raum, Techniker*innen, manchmal sogar eine Videoabteilung. :) Wenn die Denkweise offen ist, kann ein kleiner Impuls zum Experimentieren wachsen. Also passt sich mein Prozess manchmal der Struktur an, manchmal drückt er dagegen und manchmal findet er Wege, unabhängiger darin zu operieren. Was mich motiviert, ist, Grenzen zu transformieren. Wenn sich etwas in einem System fast unmöglich anfühlt, ist das normalerweise der Ort, wo meine Kreativität erwacht. Ich fange an, einen anderen Weg zu suchen – durch Technologie, Choreografie oder eine andere Art, die Arbeit zu organisieren. Zu Beginn meiner Karriere war ich oft frustriert, wie schnell Institutionen „Nein“ sagten. Das hat mich dazu gebracht, Wege zu entwickeln, um unabhängiger zu arbeiten. Digitale Tools haben dabei geholfen. Sie erlauben es, Choreografie existieren zu lassen, sogar ohne große Infrastruktur. Aber ob ich in einer Institution bin oder außerhalb davon, die Frage bleibt dieselbe: Wie bleiben wir neugierig und offen für neue Arbeitsweisen?

Wenn du deine Arbeitsmethode in einem einzigen wiederkehrenden Konflikt oder einer Spannung zusammenfassen müsstest, was wäre das?
Eine wiederkehrende Spannung in meiner Arbeit ist die zwischen Systemen und Körpern. Digitale Technologien wollen Präzision und Kontrolle. Körper bringen Instabilität, Müdigkeit, Emotion, Unfälle. Ich interessiere mich für den Moment, wenn diese zwei Logiken kollidieren. Diese Reibung ist kein Problem für die Arbeit. Sie ist ihr Motor!

Was würdest du einer jungen Person sagen, die sich im Tanz oder in digitalen Künsten nicht repräsentiert fühlt?
Wenn du dich nicht repräsentiert fühlst, ist das kein Problem. Es ist nur eine Information. Es zeigt, dass etwas fehlt … und genau dort kann Transformation beginnen. Es bedeutet, dass Raum für eine andere Sprache entsteht. ^_^

Deine nächste Reise führt dich nach Japan, was möchtest du dort erforschen?
Ich bin neugierig, wie Körper und Digitalität dort koexistieren. Japan hat eine lange kulturelle Geschichte in der Vorstellung von Hybridkörpern – Robotern, Avataren, künstlichem Leben –, aber auch sehr starke Traditionen verkörperter Ästhetik, von Oiran und Geishas bis zu zeitgenössischen Heitai-Praktiken. Ich interessiere mich dafür, zu beobachten, wie diese Vorstellungen im Alltagsleben, Design und in der Bewegungskultur erscheinen. Als jemand, der Hybridkörper erforscht, stelle ich es mir als einen faszinierenden Ort vor, der die Imagination mit neuen Fantasien speist.

Wenn das Internet morgen ausfallen würde, welches digitale Artefakt würdest du retten?
Wahrscheinlich meinen Cyborg-Ghetto-Körper. Einen glitchy Körper voller Bewegung, Überlebenswillen und Imagination.

The Ghost in the Glitch

Die Tanzperformance sprengt die Grenze zwischen organischem Körper und maschineller Hülle: Tänzer*innen kämpfen in einer hyperdigitalisierten Welt um ihre Autonomie und suchen nach Freiräumen zwischen analoger und digitaler Existenz.
Zur Produktion
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