Freikugeln
Der Freischütz in 5 Dimensionen
Programmheft in DGS
Vom Freischütz zu den Freikugeln
„Freikugeln“ ist eine Bearbeitung der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Sie stammt aus dem Jahr 1821 und wurde in Berlin uraufgeführt. Kaum eine andere Oper in deutscher Sprache ist so berühmt und so populär wie der „Freischütz“. Bis dahin waren Opern in französischer oder italienischer Sprache gewesen. Deutsch galt als unfein auf der Bühne. Nun gab es aber endlich eine Oper in der Sprache des Publikums, die alle verstehen konnten, und als Thema eine alte Volkssage. Und wie man es um diese Zeit gerne mochte, ist es eine Geschichte von menschlichen Selbstzweifeln, aber voller Magie und unheimlicher Vorgänge. Der Jäger Max wird darin von einer Angst vor dem Versagen erfasst. Seine glänzende Zukunft ist vorgezeichnet, er soll Erbförster werden und seine Geliebte Agathe heiraten, jedoch zuvor, wie es das Gesetz verlangt, einen erfolgreichen Probeschuss ablegen. Aber Max zweifelt plötzlich, an sich, an seiner Rolle, an seinem Selbstwertgefühl – und das macht ihn zum Opfer einer Verführung zu falschem, schlechtem Handeln.
Verkörpert wird die Verführung durch seinen vermeintlichen Freund und Kollegen Kaspar, der ihn zu einem Pakt mit dem Verderben drängt. Er macht ihn auf Freikugeln aufmerksam. Die Freikugeln treffen immer – aber die letzte Kugel gehört dem Teufel und richtet sich gegen den Schützen. Wer Freikugeln gießt, verkauft seine Seele und ist verloren. Das Gießen der Freikugeln in der Wolfsschlucht ist deshalb der dramatische Höhepunkt der Oper mit fantastischen Erscheinungen. Dass Max gerettet werden kann, liegt an seiner Geliebten Agathe. Sie behält ihren festen Glauben an die Liebe und das Gute. Dadurch wird sie – so ist das in der Oper „Der Freischütz“ – vom Himmel vor der Hölle beschützt. Natürlich siegt das Gute, aber zuvor gibt es viele gruselige und geisterhafte Ereignisse, um zu zeigen, dass die Welt nicht so einfach ist, wie wir es uns manchmal wünschen.
„Der Freischütz“ gilt als Inbegriff der romantischen Oper. „Romantisch“ bedeutet hier die Abkehr von Vernunft und logischem Erklären. In der romantischen Oper passieren Dinge, die sich nicht so leicht erfassen lassen. Sie spielt oft im Wald und in der Natur. Wunderbare und magische Ereignisse geschehen, es herrschen Nacht und Dunkelheit, Feen und Geister treiben ihr Unwesen. Der Mensch erlebt eine fantastische Welt jenseits seines Alltags und seiner Vorstellungskraft. Die Protagonisten müssen sich in der Gefahr bewähren und wachsen an dieser Herausforderung. Die Musik zeichnet mit fröhlichen Liedern, Tänzen und Chören ein Bild der vertrauten Welt, zeigt aber mit unheimlichen Klängen auch Dinge, die zum Fürchten sind.
„Freikugeln“ in einer Bearbeitung von Brigitta Gillessen und Rainer Mühlbach entwickelt die Idee der Zugänglichkeit des „Freischütz“ weiter. Die neue Fassung ist eine Oper für Taubes und hörendes Publikum ab 8 Jahren und eine Koproduktion mit dem COMEDIA Theater. Taube und hörende Schauspieler*innen und Sänger*innen treten in „Freikugeln“ gemeinsam auf. Die beiden Hauptfiguren, Agathe und Max, sind jeweils mit zwei Künstler*innen gleichzeitig besetzt, Taub und hörend. Sie gestalten in ihrer jeweiligen Sprache gemeinsam eine umfassende Bühnenfigur. Musik und Handlung werden auf unterschiedliche Weise für das Publikum in Szene gesetzt: in Deutscher Gebärdensprache (DGS), Visual Sign (VS), Gesang und Lautsprache – als gleichrangige künstlerische Ausdrucksmittel. So soll das Bühnenerlebnis Oper für alle in gleicher Weise zugänglich und erlebbar sein.