Picture a day like this
Die Suche nach einem Wunder
von Martin CrimpEines Tages zeigte ich George Benjamin eine Geschichte mit dem Titel „Das Hemd des glücklichen Mannes“ – ein Volksmärchen unbekannter Herkunft, das im Europa des 19. Jahrhunderts jedoch recht bekannt war. In dieser Parabel erfährt ein todkranker König, dass er geheilt werden kann, wenn er das Hemd eines glücklichen Mannes in die Hände bekommt. Die Geschichte hat einen reizvollen satirischen Unterton: Die reichen und erfolgreichen Menschen, von denen der König annimmt, dass sie glücklich seien, erweisen sich alle als verbittert und unzufrieden, und der einzige glückliche Mensch, den er schließlich findet – ein Holzhacker –, hat, weil er so arm ist, gar kein Hemd. Uns gefiel die Form dieser Geschichte – eine Suche –, doch wir stellten ihr recht glattes Ende in Frage und überlegten, was passiere, wenn wir etwas tiefer in ihre Ursprünge eintauchen.
Meine Recherche führte mich zum „Alexanderroman“, der äußerst beliebten Lebensbeschreibung Alexanders des Großen, die irgendwann nach 300 v. Chr. verfasst wurde und in den folgenden tausend Jahren in Europa, Asien und im Nahen Osten weit verbreitet war. In einer Passage gegen Ende schreibt der sterbende Alexander an seine Mutter und bittet sie, alle Menschen unabhängig von ihrem sozialen Status zu seiner Beerdigung einzuladen, jedoch jeden auszuschließen, „der von vergangenem oder gegenwärtigem Leid weiß“. Die Beerdigung findet statt: Niemand kommt. Die Mutter erkennt, dass Alexander weniger versuchte, die Gästeliste zu kontrollieren, als vielmehr ihr zu sagen, dass Tod und Leid universell sind, und damit andeutete, dass es kein Glück gibt. Dies ist eine eher düstere und etwas militärisch anmutende Lektion in Stoizismus – doch ich entdeckte dahinter einen geheimnisvolleren und menschlicheren Text.
Der „Dhammapada-Kommentar“ ist eine Sammlung von Erzählungen, um die 423 Sprüche des Buddha (der im späten 5. Jahrhundert v. Chr. wirkte) zu erhellen. Verfasst in der Sprache Pali, scheinen die Autoren die Lehren des Buddha oft als Vorwand zu nutzen, um ihre eigenen Lieblingsvolksmärchen zusammenzustellen.
In der Erzählung von Kisā Gotamī (Buch VIII, Nummer 13) stirbt der Säugling einer Frau. Da sie das Geschehene nicht akzeptieren kann, sucht sie den Buddha auf, der ihr sagt, dass ihr Kind mit Sicherheit wieder zum Leben erweckt werden könne – aber nur, wenn sie „eine Prise weißer Senfkörner“ aus einem Haus besorgen könne, in dem sich noch nie ein Todesfall ereignet habe. Kisā Gotamī geht von Haus zu Haus, „mit ihrem toten Kind an der Hüfte“ – nur um wie Alexanders Mutter zu erkennen, dass Tod und Trauer allgegenwärtig sind. Diese gut beobachteten Details verleihen der Geschichte Menschlichkeit, und gleichzeitig ist dies nicht das Ende, denn sobald Kisā Gotamī akzeptiert, was mit ihrem Kind geschehen ist, wird sie zu einer heiligen Person. Eines Tages, als sie in einem Tempel eine Lampe anzündet, wird sie sich all der anderen Flammen bewusst und vergleicht deren Dauer mit der unterschiedlichen Dauer menschlichen Lebens (ein Bild, das Fritz Lang eines Tages in „Der müde Tod“ verwenden wird).
Beim Verfassen des Textes zu „Picture a day like this“ habe ich diesen unterschiedlichen Traditionen freien Lauf gelassen, damit sie aufeinandertreffen und etwas Neues entstehen lassen konnten; dabei habe ich eine „Moralgeschichte“ aus dem 19. Jahrhundert neu interpretiert, um den Fokus stattdessen auf die Suche einer trauernden Frau nach einem Wunder zu legen.
Zusatzmaterial
Find one happy person in this world and cut one button from their sleeve.
Trailer
Erscheint hier am 10. Mai 2026.