Le Nozze di Figaro

Figaro rückwärts

von Katharina Thoma

Die „Hochzeit des Figaro“ ist wohl das bekannteste Werk aus dem ausgehenden Ancien Régime – es hat unsere Sichtweise und auch unsere Idealisierung dieser Epoche geprägt wie kein zweites. Das Setting in einem Schloss, mit Graf und Gräfin, der Zofe Susanna, dem Kammerdiener Figaro und der ganzen übrigen Entourage vermittelt uns humorvoll und turbulent einen Eindruck von der aristokratischen Lebensweise der damaligen Zeit.

Bei der Auseinandersetzung mit diesem Werk fällt aber auf, dass gewisse Konflikte und Probleme zeitlos gültig sind – ein mächtiger Mann, der einer ihm untergebenen jungen Frau nachstellt, ihre seelische Not deswegen und alle daraus resultierenden Verletzungen der jeweiligen Partner, kennen wir durchaus. Solche Missbrauchssituationen hat es in allen Epochen gegeben. Auch die Thematik von Eifersucht und Vertrauen, von den Grauzonen des Begehrens und vom Aufbegehren gegen eine autoritäre, machistische Machtfigur können wir ohne weiteres nachempfinden.

Wenn die Geschichte aber unter verschiedensten Vorzeichen denkbar ist – woher kommt dann unsere Faszination für das Historische, speziell für die Epoche des Rokoko? Warum haben historische Objekte für uns einen so besonderen Wert, dass wir sie aufwendig restaurieren und in Museen ausstellen? Auch die Räumlichkeiten des Schlosses Almaviva wären heute sicher ein Museum mit einem Direktor, Restaurator*innen, Museumsführungen … es ist interessant, dass solche Gebäude durch die Jahrhunderte oft verschiedenste Nutzungen erfahren und jeweils ein eigenes Leben entwickelt haben.

Dabei fällt auch auf, dass wir die Ästhetik und Klarheit früherer Epochen oft als wohltuend empfinden – sei es die Klarheit in der Musik Mozarts oder die wohlproportionierten, oft relativ leeren Räume eines Schlosses aus dem 18. Jahrhundert. Die Welt war noch nicht so angehäuft mit Gegenständen – alles war handgefertigt und hatte daher per se einen Wert. Die Dinge wurden repariert und wiederverwendet, denn man konnte nicht einfach neue kaufen und die alten wegwerfen. Ein Nachhaltigkeits- und Wertigkeitsprinzip, dem wir heutzutage wieder viel abgewinnen können!

So entstand die Idee, das Stück durch die verschiedenen Zeitschichten zurück zu verfolgen und zu untersuchen: wie verhalten sich die Protagonist*innen in unterschiedlichen Gesellschaftsformen? Wie ändern sich Verhalten und Körpersprache mit Kostümen aus verschiedenen Epochen? Wie kann man die Figuren epochenübergreifend durchgestalten? Dabei lagern wir mehr und mehr Sedimente auf dem Müllhaufen der Geschichte ab und besinnen uns schlussendlich auf die Mythologie – ein kulturelles Erbe, was wohl jedem in Europa sozialisierten Menschen vertraut ist. Denn auch bei den griechischen Göttern gab es dieselben Konflikte und Paarkonstellationen, die wir in unserer Figaro-Geschichte erleben. Göttlich und überzeitlich ist auch der zentrale Moment dieser Oper, der Moment des perdono, des Verzeihens. Und er strahlt hoffentlich noch herüber bis in unsere Gegenwart, die dieses Einander-Vergeben und diese Harmonie gut gebrauchen könnte.

Zusatzmaterial

Trailer

Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht – ganz gleich, ob da jemand Museumsdirektor oder aristokratischer Großgrundbesitzer ist.
Kölner Stadt-Anzeiger, Markus Schwering, 02. März 2026

Le Nozze di Figaro

Ein Schloss als Museum, ein Jagdhund, prachtvolle barocke Kostüme und antike Skulpturen: Katharina Thoma inszeniert Mozarts komische Oper als umgekehrte Zeitreise durch die Jahrhunderte und macht sichtbar, wie zeitlos dieses Werk ist.
Zur Produktion
Porträt Teresa Rothwangl