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Der letzte Ritter

Zum Tod von Claudio Nicolai

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Im März vergangenen Jahres durften wir ihm anlässlich seines 90. Geburtstags noch Glückwünsche von Köln in das ferne La Palma senden. Nun, in den frühen Morgenstunden des 11. Mai, ist Claudio Nicolai, der langjährige Bariton der Oper Köln, in seinem Haus auf den Kanaren, wo er sich, inmitten von eigenen Plantagen, gemeinsam mit seiner Frau drei Jahrzehnte lang ein privates Glück weit weg von der Bühne der Öffentlichkeit geschaffen hatte, friedlich entschlafen.

Die Anzahl der Vorstellungen, die dieser herausragende Sänger in der Zeit seiner Kölner Ensemblemitgliedschaft von 1964 bis 1989 am Offenbachplatz absolviert hat, beläuft sich auf die aus heutiger Sicht schier unglaubliche Ziffer von etwa 1100 – fast immer als zentraler Protagonist. Wenn man sich diese astronomisch hohe statistische ›Ausbeute‹ aus heutiger Sicht bewusst macht, nimmt sich die Erinnerung an diesen bedeutenden Bühnenkünstler und seine Verbindung mit der Kölner Oper umso mehr wie der ferne Blick in eine theaterhistorisch (bundesweit) längst vergangene Epoche aus – ganz unabhängig von den allerorten entzündeten Bühnensanierungs-Diskussionen und der neuen Realität einer »Corona-Krise«: In den Jahren, in denen Claudio Nicolai dem Haus angehörte, spielte die Oper Köln mit dem Gürzenich-Orchester Köln quasi täglich, das Ganze bei ständig wechselndem Repertoire, und im Karriereverständnis von Sängerinnen und Sänger wurde, allen internationalen Verlockungen zum Trotz, die Ensembletreue generell groß geschrieben. Publikumsliebling Claudio Nicolai verkörperte dabei, als ein ›Primus inter Pares‹ innerhalb der hochkarätigen Sängerriege des Kölner Ensembles, so etwas wie den Typus des ›noblen Grandseigneurs‹.

Zu der Vielzahl an Rollenaufgaben, die er an der Oper Köln – stets mit der ihm eigenen ›Gentleman-Aura‹ und dem feinen Nervenkostüm eines begnadeten Darstellers – ausfüllte, zählte neben den obligaten Mozart-Partien wie »Figaro«-Graf, Papageno, Guglielmo, Don Alfonso und Don Giovanni nahezu alles, was der Spielplan jener Jahrzehnte an (Kavaliers-)Bariton-Partien vorsah: Rossinis Figaro und Dandini, Donizettis Belcore und Malatesta, Cimarosas Graf Robinsone und Corbolone, Lortzings Graf von Eberbach, Ottone in Händels »Agrippina«, Tschaikowskys Eugen Onegin und Fürst Jeletzky, der Minnesänger Wolfram von Eschenbach in »Tannhäuser«, Albert in Massenets »Werther«, der Sekretär in Henzes »Der junge Lord«, schließlich auch der Gutsbesitzer Mandryka in »Arabella«, Amfortas in »Parsifal«, und vieles andere mehr, bis hin zum Kriegsheimkehrer Odysseus in Monteverdis »Il ritorno d’Ulisse in patria«. Mit der letztgenannten Partie, in der viel gerühmten Inszenierung des damaligen Intendant Michael Hampe, verband sich für ihn dann auch seine letzte Kölner Premiere.

Ein geschmeidiger Interpret war das Showtalent Nicolai auch in den Bereichen Operette und Musical, etwa als Frauenfreund Boccaccio in von Suppés gleichnamiger Operette, als spürbar blaublütiger Bonvivant Graf Danilo in »Die lustige Witwe«, Eisenstein und Falke in »Die Fledermaus«, Gott der Unterwelt Pluto in Jacques Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« oder – in den 1970ern, mit dem Wiener ›Import‹ Dagmar Koller an der Seite – als Professor Higgins in »My Fair Lady«. Was das Unterhaltungs-Genre betraf, erwies er sich darüber hinaus in den seinerzeit so beliebten ‚Operettenland-Potpourri‘-Fernsehsendungen als ein ausgesprochen telegener Vertreter seines Fachs.

Das Zentrum seines langen, erfüllten Wirkens bildete jedoch das Kölner Opernhaus am Offenbachplatz. So war er über zweieinhalb Jahrzehnte lang ein Fixstern der Kölner Oper.

Von seiner Interpretation des jungen Matrosen Billy Budd, der sich in seinen letzten Lebensstunden, in Ketten seine Hinrichtung erwartend, unter dem nächtlichen Sternenhimmel der eigenen Endlichkeit bewusst wird, war unter Kölner Opernfreunden auch noch Jahre nach dieser Kölner Erstaufführung der gleichnamigen Oper von Benjamin Britten immer wieder die Rede. Und noch von vielem anderen: Das Duett Papageno-Pamina etwa – »Bei Männern, welche Liebe fühlen« in Mozarts »Die Zauberflöte« – klang für Viele von denen, die dabei waren, in späteren Aufführungen niemals mehr so wahrhaftig wie seinerzeit im Aufeinandertreffen von Claudio Nicolai mit der unvergessenen Ensemblekollegin Lucia Popp unter dem Dirigat von István Kertész. Eine der für ihn sicherlich biografisch wichtigsten Partien: In der bahnbrechenden Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns »Die Soldaten« 1965, einem der wichtigsten Ereignisse der Kölner Operngeschichte, verkörperte Nicolai den aufrechten Gewissensmenschen Stolzius – jenen von seiner Braut Marie verlassenen Tuchhändler, der sich in einer von Verrohung und Zynismus ‚verseuchten‘ Welt nicht anders zu helfen weiß, als mit Gift zum Rächer an einem gewissenlosen Vergewaltiger zu werden.

Mit der moralischen Dimension solcher Rollenaufgaben, bei denen existenzielle Grenzsituationen zu skizzieren waren, nahm es Claudio Nicolai sehr ernst. Zweifellos hatten daran auch jene frühen biografischen Erfahrungen ihren Anteil, die er – mit dem Geburtsjahrgang 1929 – als Vertreter seiner Generation hatte machen müssen: Für ihn – als einen im Dritten Reich aufgewachsenen Menschen, dessen Vater darüber hinaus als deutscher Admiral im Zweiten Weltkrieg eine wesentliche militärische Funktion ausgeübt hatte – bedeutete, zum Ende der 1940er-Jahre, die Hinwendung zur Theaterwissenschaft und schließlich zum Gesang und zur Bühne nichts weniger als sein persönlicher Schritt in die Freiheit, hinein in eine ›ganz andere‹ Zukunft. Seinen Künstlernamen wählte er sich dabei von jenem Komponisten des 19. Jahrhunderts, Otto Nicolai, in dessen heiterer Oper »Die lustigen Weiber von Windsor« er später in Köln häufig den Herrn Fluth singen sollte. Die künstlerische Berufswahl war eine Lebensentscheidung, die es ihm möglich machte, seine Liebe zur Bühne auszuleben und sich dabei zugleich der Vermittlung zeitlos gültiger, geistiger Werte zu verschreiben. In der Beschäftigung mit seinen Partien und im Reflektieren dessen, was er ›da tat‹, war er denn auch bis zum Ende seiner Laufbahn geradezu skrupulös gewissenhaft. Claudio Nicolai war ein Künstler mit hohem ›Ethos‹. Seine Studentinnen und Studenten an der Kölner Musikhochschule, wo er bis in die 1990er-Jahre hinein eine Professur wahrnahm, profitierten in seinem Falle insofern nicht nur von seinem Wissen um den Gesang, sondern auch von seiner vorbildhaften künstlerischen Auffassung und menschlich großzügigen Haltung. In ihm vereinte sich der moderne Mensch mit dem ›Kavalier alter Schule‹. Er war ein Ritter Lancelot, dem man nachsagt, des Grals ansichtig geworden zu sein, und der dabei nicht verweilte, sondern weiterzog. Nun hat sich der magische Kreis geschlossen.

Die Laufbahn Claudio Nicolais verdeutlicht es: Zum nachhaltig wirkungsvollen Medium, zu einem wirklich großen Sänger wird der Interpret nicht allein durch Stimme – es bedarf darüber hinaus des Charakters und des Inhalts. Letzteren kann man – in ganz besonderen Fällen, mit viel Glück – auch als ›Botschaft‹ bezeichnen.

Die Opernwelt trauert um Claudio Nicolai, einen ihrer edelsten Botschafter.

Seiner Ehefrau Carmen, seinen Söhnen und der ganzen Familie gilt in diesen Stunden unsere Verbundenheit und Anteilnahme.

Georg Kehren, Chefdramaturg der Oper Köln