Sei gegrüßt, du nobler Sänger!

Der große Bariton Claudio Nicolai wird 90

Am 7. März feiert Claudio Nicolai, einer der wichtigsten Sänger in der Geschichte der Oper Köln, seinen 90. Geburtstag. »Kavaliersbariton« nennt sich im Opern-Fachjargon das Rollenfach, das er an der Oper Köln 25 Jahre lang als festes Ensemblemitglied formvollendet ausfüllte – und wer Claudio Nicolai auf der Bühne erlebt hat, wird sich niemals die Frage stellen müssen, was nun eigentlich genau ein »Kavaliersbariton« ist. Mit ihm, dem ausstrahlungskräftigen, dabei elegant und sensibel agierenden ›Womanizer‹-Typ, erklärte sich dieser Begriff von selbst.
Wie sein Kollege und Freund Carlos Feller verkörperte Claudio Nicolai an der Oper Köln eine ganze Epoche: Die Zahl der Abende, die er in seiner insgesamt 25-jährigen Zugehörigkeit zur Oper Köln gesungen hat, ist nicht nur beeindruckend, sondern aus heutiger Sicht schier unglaublich. Bei Sichtung aller noch verfügbarer Besetzungszettel der Jahre 1964 bis 1989 ergeben sich in seinem Fall mindestens 1066 Kölner Vorstellungen, bei insgesamt 52 verschiedenen Partien.
Doch war es selbstredend nicht die Anzahl seiner Auftritte, die diesen großen Opernsänger ausmachte, sondern seine Klasse – wobei sich die soziale »Klasse«, die er auf der Bühne zumeist vertrat, nämlich jene der Aristokraten, bei der Auflistung seiner Partien schnell ablesen lässt: Zu seinen Rollen in diesem Zusammenhang zählten Graf Almaviva (»Le nozze di Figaro«), Graf Danilo (»Die lustige Witwe«), Graf von Eberbach (»Der Wildschütz«), Fürst Jeletzky (»Pique Dame«), Graf Robinsone (»Il matrimonio segreto«), Marquis Posa (»Don Carlo«), Lord Kookburn (»Fra Diavolo«), Fürst Ottokar (»Der Freischütz«), Graf Homonay (»Der Zigeunerbaron«) und viele weitere adlige Köpfe. Natürlich ist auch sein Don Giovanni, den er nach eigener Aussage als »alten, einsamen Wolf« anlegte, in bleibender Erinnerung. Zu nennen sind außerdem der Tuchhändler Stolzius in der Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns »Die Soldaten« 1965, der Billy Budd unter Istvan Kertész, Henry Higgins in »My Fair Lady«, sicherlich auch sein Wolfram von Eschenbach in »Tannhäuser«, sein Eugen Onegin, Monteverdis Ulisse, der »Fledermaus«-Eisenstein oder – weit hinein ins dramatische Bassbariton-Revier – Mandryka in »Arabella« und Amfortas in »Parsifal«.
Die Noblesse ist seiner Persönlichkeit fest eingeschrieben, und selbst wenn er den Vogelfänger Papageno in der »Zauberflöte« gab – und der war in Köln seine meist gesungene Partie mit etwa 108 Abenden – war dieser kein unbeschwerter Naturbursche aus dem Reich der hemdsärmligen Publikumsranschmeißer, sondern eher ein nobler Melancholiker von hohen Bühnengnaden. Als gewandter Darsteller war Nicolai bei den Regisseuren sehr gefragt – auch bei Jean-Pierre Ponnelle, wenn es diesem auch nicht gelang, Claudio Nicolai im Rahmen der Neuinszenierung von »Le nozze di Figaro« im Mai 1975 (Musikalische Leitung: John Pritchard, mit Margaret Price, Lucia Popp, Stafford Dean, Carlos Feller, Maria Ewing) von seiner Überzeugung abzubringen, dass ein Graf Almaviva seine Gemahlin niemals ohrfeigen würde. Graf Almaviva als Schläger: Das war mit dem Pazifisten Nicolai nicht zu machen (!) – und, augenzwinkernd aus der Sicht der Opernfans formuliert: Wer hätte es – eingedenk der ›Walk of Fame‹-reifen Liste von Claudio Nicolais Kölner ›Gräfinnen‹ – schon mit seinem Gewissen vereinbaren können, hohe Damen wie Margaret Price, Elizabeth Harwood, Kiri Te Kanawa oder Anna Tomowa-Sintow derart ungebührlich anzugehen!
Geboren wurde er – unter seinem bürgerlichen Namen Claus Hennecke – am 7. März 1929 in Kiel. Dort war sein Vater seinerzeit bei der Marine und avancierte später zum Admiral. 1929 scheint ein goldener Jahrgang für das Bariton-Fach gewesen zu sein: Auch Wolfgang Anheisser und Hermann Prey sind in diesem Jahr geboren. Nach einem Theaterwissenschaftsstudium in Göttingen und der Gesangsausbildung in Essen und München, damals noch als Tenor, trat er zunächst, jeweils für zwei Jahre, Festengagements in Ulm und in Linz an der Donau an. Dann kam er ab 1959 für fünf Jahre als – mittlerweile – Bariton an das Staatstheater am Gärtnerplatz in München, von wo aus er mit dem neuen Intendanten der Bühnen Köln Arno Assmann zu Beginn der Spielzeit 1964.65 an das Kölner Opernhaus am Offenbachplatz wechselte.
Gerade mal 35 Jahre war er damals alt, und bis ins Jahr 1989 sollte seine aktive Verbindung mit diesem Haus andauern. Anlässlich seiner ersten Premiere an der Kölner Oper, »Così fan tutte« unter der musikalischen Leitung von Günter Wand, war im Kölner Stadt-Anzeiger am 22.9.1964 kurz und bündig zu lesen: »Über einen fundierten Bariton gebot der spielgewandte Claudio Nicolai als Guglielmo«. Knapp gewählte Worte für einen Beginn von opernhistorischer Tragweite. »Così fan tutte« markierte 1989 auch seinen Abschied, nun als Don Alfonso. Daneben absolvierte er Auftritte an den großen Bühnen der Welt – unter anderem als Graf Almaviva bei den Salzburger Festspielen unter Herbert von Karajan. Bis 1991 war er noch Professor an der Kölner Hochschule, danach erfolgte der endgültige Abschied von Köln und von Deutschland.
Heute residieren der Maestro und seine Ehefrau Carmen standesgemäß auf ihrem schönen Anwesen auf den Kanarischen Inseln, wo sie vor mittlerweile 30 Jahren ein gänzlich neues Lebenskapitel aufgeschlagen haben. Und so geht unser Gruß mit einem kräftigen »Glück auf!« in die Region der ewigen Sonne, nach La Palma. Wir gratulieren herzlich, wünschen alles erdenklich Gute und übermitteln der verehrten, geliebten Sänger-Eminenz zugleich unser ergebenstes Kompliment.

Georg Kehren, Chefdramaturg der Oper Köln