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April

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Turandot
02
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Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
03
StaatenHaus Saal 3 / 11:30 - 12:30
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
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Turandot
04
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05
StaatenHaus Saal 3 / 11:30 - 12:30
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
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Turandot
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Turandot
08 09
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Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
10 11
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12
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13
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19
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20 21 22
Außenspielstätte am Offenbachplatz / 19:30 - 20:30
Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung
23
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27
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28
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Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung
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30
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Die Fledermaus

Die Oper Köln trauert um Bariton Werner Sindemann

 
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Kleine Rollen gibt es nicht.

In Erinnerung an Werner Sindemann
1932 - 2019


(Foto aus der Produktion »Border«, Jugendoper nach Euripides, UA an der Oper Köln von Ludger Vollmer © Matthias Baus)

 

In unseren heutigen Zeiten, in denen die strukturelle Aufstellung von Opern- und Theaterensembles einen grundlegenden Wandel erfährt und in der sich die Erinnerung an kulturelle Ereignisse im Bewusstsein der Öffentlichkeit immer schneller verflüchtigt, fällt es fast schon schwer zu vermitteln, welch eine besondere und würdige Position der Bariton Werner Sindemann mehr als 50 Jahre lang an der Oper Köln ausgefüllt hat.
Seit 1961, als er zu Zeiten des Intendanten Oscar Fritz Schuh und des Generalmusikdirektors Wolfgang Sawallisch in das gerade gegründete Internationale Opernstudio aufgenommen worden war, bis ins Jahr 2014 hinein, als er in der Kinderoper »Schneewittchen« in der Rolle des ›Spiegels‹ seinen letzten Bühnenauftritt absolvierte, war er ein essentieller Teil der Oper Köln.

Werner Sindemann verkörperte den Inbegriff der ›Ensemblestütze‹. Bei Tausenden von Auftritten war er ein steter Garant dafür, dass der darstellerische Mosaikstein, den er zu setzen bzw. die Töne, die er zu singen hatte, genau an der richtigen Stelle landen würden. »Sie sind der beste 2. Gefangene der Welt«, so rief ihm nicht von ungefähr einmal der Dirigent István Kertész nach einer »Fidelio«-Generalprobe mit ehrlicher Begeisterung zu.
Die Stars an der Oper Köln kamen jeweils und verschwanden wieder, aber Werner Sindemann blieb, und das hatte auch seinen Grund. Das Opernrepertoire hielt ein schier unerschöpfliches Arsenal von Neben- und Chargenrollen für ihn bereit. All die zeremoniösen Haushofmeister, peniblen Notare, ungeküssten Stockfische, subalternen Beamten, das weite Feld der Kirchendiener, Concierges, Postboten, Strolche, Gerichtsschreiber, Knappen und Hirten: mit ihnen entwickelte sich Werner Sindemann im Verlaufe der Jahrzehnte zu einer eigenen ›Marke‹, als deren Repräsentant er unersetzlich war – gerade so, als hätten alle Faktotums oder Bartlebys dieser Welt in ihm ihren einzigen, sozusagen kongenialen Wiedergänger gefunden. Eine seiner Paraderollen war kurioserweise eine stumme: der Diener in Michael Hampes weitgereister Inszenierung von Cimarosas »Die heimliche Ehe«, aus dem er ein unaufdringliches, gleichwohl passgenaues Kabinettstückchen machte. In Wagners »Meistersingern«, wo er den Schneider Augustin Moser – eine Partie mit kaum mehr als einem einzigen solistischen Einsatz, ansonsten nur Ensemblegesang – gab, lautete seine Replik, sobald sein Name bei der Anwesenheitskontrolle der Meistersinger aufgerufen wurde: »Nie fehlen mag«.

Sindemanns Interpretation der ihm übertragenen Partien, die schon nach den ersten Jahren seiner langen Karriere zumeist dem sogenannten ›Comprimarii‹-Nebenrollen-Bereich zuzurechnen waren, erschöpfte sich nicht in Professionalität oder Routine, sondern war ganz ›eigen‹. Mit seiner liebenswürdig-korrekten Ausstrahlung und unaufdringlichen Höflichkeit wirkte er abseits der Bühne immer ein bisschen so, als sei er aus einer anderen Zeitzone zugereist – und alterslos. Alles Derbe und Ungezügelte war ihm wesensfremd. Er vermittelte entschieden den Eindruck einer diskreten Persönlichkeit, die man optisch zwar sofort wiedererkannte, deren Innenleben sich der Wahrnehmung jedoch – gewollt oder ungewollt –zu entziehen schien.

Diese Merkmale prädestinierten ihn zur Spielerfigur für Regisseure, denen darum zu tun war, mit präzise gesetzten Details eine längst vergangene Epoche, eine andere Welt zu entwerfen, denn seine Auftritte, egal wie skurril oder verschroben sie angelegt waren, wirkten nie ›gespielt‹, sondern immer stimmig – gerade so, als sei er genau so.

Und was war er wirklich? Eine Theatermensch durch und durch, mit hohem Anspruch an sich selbst und mit einer Berufsauffassung, die von geradezu ›preußischer Pflichterfüllung‹ Auskunft gab. Gemäß seinem Künstlerverständnis war er ein der Kunst Dienender, und die Bühne war sein Leben.

»Einen Star-Tenor kann man sich kaufen, aber einen Werner Sindemann, den hat man oder hat man leider nicht«: Mit dieser kollegialen Liebeserklärung brachte der Regisseur Willy Decker es auf den Punkt, als er anlässlich einer Hommage, die die Oper Köln dem Sänger im Dezember 2013 widmete, das ›Phänomen Sindemann‹ beschrieb. Und so kam es auch vor, dass der eine oder andere renommierte Regisseur, wenn er an einem anderen Opernhaus arbeitete, sich ausdrücklich das Kölner »Urgestein« Sindemann als Gastsolisten erbat, um einen ›kleinen, aber feinen‹ Part mit der exakt gewünschten Wirkung gesetzt zu wissen.
Am 16.11.1932 in Schlesien geboren, war Sindemann als Sohn eines Ingenieurs, in einem protestantisch geprägten Elternhaus, in Magdeburg aufgewachsen. Hier verstärkte er schon während seiner Schulzeit, zur Zeit der gerade neu gegründeten DDR, den Extrachor des Stadttheaters und sang im Domchor. Durch Vermittlung der legendären Bach-Solistin Agnes Giebel, der er sich als Domchormitglied vorgestellt hatte und die er – ein schmächtiger, mit schöner Stimme begabter Jüngling von großer künstlerischer Ernsthaftigkeit – von seinem Potenzial überzeugen konnte, kam er an die in diesen Nachkriegsjahren bahnbrechend bedeutende Folkwang-Schule Essen, wo er fünf Jahre lang studierte, um sich auf den Beruf des Sängers vorzubereiten. Viele Auftritte in Kirchen und Konzerten mit geistlicher Musik prägten diese Lebensphase. Im musikalischen Weihnachtsspiel »Christgeburt« von Ludwig Weber – einer Aufführung der Folkwang-Schule unter der Regie des renommierten Tanzklassen-Leiters Kurt Jooss – gab Sindemann den Hirten, und an seiner Seite, in der Rolle der ›Alten Magd‹, war eine gerade mal 15-jährige Tanz-Kommilitonin namens Pina Bausch zu erleben.
Über diese mittlerweile in weite Ferne gerückte Zeit, und auch über die reiche Ära seiner Kölner Ensemblezugehörigkeit, erzählte er, sofern man ihn danach fragte, fröhlich-freimütig und mit einem verblüffenden Gedächtnis für Details. In der Wiedergabe seiner Erinnerungen ließ er viel Sympathie für die Spezies ›Mensch‹ erkennen, und auch eine großzügige Wertschätzung und Toleranz gegenüber all den vielen – auch gegenüber den sogenannten berühmten – Kolleginnen und Kollegen. So war er, was die Geschichte der Oper Köln seit 1960 – also quasi seit Beginn der Ära am Offenbachplatz – betraf, ein unersetzlicher Informant – blitzhell und schnell im Abrufen von Erinnerungen.
Zu einer glücklichen Alterskarriere verhalf ihm die im Jahr 1996 gegründete Sparte Kinderoper der Oper Köln: Inmitten von jungen Kolleginnen und Kollegen, die ganz am Anfang ihrer Laufbahn standen, vertrat er da zumeist als Einziger die ältere Sängergeneration – und alle Kinder schlossen diesen sich mit einer sanften Skurrilität vermittelnden Rollenvertreter spontan ins Herz. Bis über sein 80. Lebensjahr hinaus spielte – und sang (!) – er vor diesem wichtigen, neu zu gewinnenden Publikum, und die ganz besondere Farbe, der er dabei ins Bild brachte, schien den Kindern so vertraut, als sei sie von vornherein Teil ihrer eigenen Phantasiewelt. In diesem Umfeld lebte er als Mensch und Künstler förmlich auf. Von besonderem anekdotischen Reiz – und auch aussagekräftig, was die Selbstironie des Bühnendarstellers Sindemann betrifft – ist jene Situation, als er vor einer Aufführung von Ernst Tochs »Die Prinzessin auf der Erbse«, in der er einen Höfling zu geben hatte, im Foyer des Opernhauses auf eine Gruppe kleiner Zuschauer traf und diese Frischlinge auf dem Gebiet des Opernbesuchs bei dieser Gelegenheit mit würdevoller Stimme und in gedehntem Tonfall wissen ließ: »Wir spielen hier ›Die Prinzessin auf der Erbse‹, und ich … ich bin die Erbse.« Andächtiges, feierliches Staunen von Seiten der Kinder war ihm in diesem Moment sicher.
Die letzten Jahre verbrachte der Sänger sehr zurückgezogen in seiner Wohnung am Marienplatz, seinem jahrzehntelangen Rückzugsort in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche St. Maria im Kapitol. Nun erreichte uns die Nachricht, dass er am 18. September im Kölner Universitätsklinikum verstorben ist. In seinen letzten Wochen soll er dem Tod mit derselben freundlichen Gelassenheit und Unaufgeregtheit entgegengesehen haben, für die er auch in Kollegenkreisen, was seine künstlerische Betätigung betraf, bekannt war: ohne irgendein Aufhebens darum zu machen, mit der Aura eines Menschen, dem eine höhere Stimme ins Ohr geflüstert zu haben scheint, es werde letztlich schon alles den richtigen Verlauf nehmen. Nervosität hatte er sich auch vor seinen Bühnenauftritten nie anmerken lassen – obwohl natürlich auch er sie kannte. Aus dem großen Topf seiner Erfahrungen schöpfend hat er es einmal folgendermaßen erklärt: Vor einer kleinen Rolle sei man als Darsteller, und verfüge man über noch so viel Erfahrung, nicht weniger aufgeregt als vor einer größeren – eher noch schlimmer, denn man habe ja, sollte etwas schiefgehen, viel weniger Gelegenheit, es im Verlaufe der Vorstellung wieder gut zu machen.
Werner Sindemann hat ein großes Bühnenleben gelebt, in dem viele – nur angeblich – kleine Rollen vorkamen. Und wer weiß: Vielleicht würde er uns gegenüber, wenn wir ihn nun nach seinem höchstpersönlichen Resümee fragen könnten, mit jener Auskunft aufwarten, die er gerne gab, wenn er nach einem Auftritt von der Bühne kam und gefragt wurde, wie es denn für ihn gelaufen sei: Da nämlich pflegte er salomonisch und mit strahlendem Lächeln zu antworten: »Alles falsch, aber ganz wunderbar

Georg Kehren